Offener Brief – Der ökologische Flugabdruck

Gleitschirmfliegen –- (m)ein Natursport !?

ich habe lange überlegt wie ich diesen Brief schreiben soll. Um vielleicht ein paar Missverständnisse zu umgehen stelle ich eine Bemerkung voran: mir geht es nicht um den Zeigefinger, nicht darum Schuld und Verantwortung zuzuweisen oder unwillig meckernd Verbesserungen von Herstellern zu fordern. Dieser Brief soll eine Einladung sein, gemeinsam zu diskutieren, Wissen auszutauschen, Anregungen zu setzen und etwas zu verändern. Ich freue mich darauf Neues zu erfahren und von Euch zu lernen.

Liebe Fliegerfreunde,

Für mich ist Gleitschirmfliegen das reine Privileg, ein Geschenk im Wortsinn. Wenn ich unter meinem Flügel hänge bin ich oft einfach nur glücklich und dankbar, genieße den Augenblick so intensiv.

Da ich fast nur am Berg starte und gleichzeitig in Norddeutschland wohne, heißt das für mich erst einmal viele Stunden Anreise mit allem was dazu gehört: der Sprit fürs Auto oder das Flugticket der Billig-Airline. Vorher habe ich einige tausend Euro in Ausbildung und Material investiert um dann diese Momente zu erleben. Die mir unbezahlbar erscheinen.

In den letzten Jahren hat sich bei mir das Interesse an der Natur mit dem Interesse für möglichst ökologische und sozial verträglichen Konsum verbunden. Hinzu kommt der Umweltschutz im Ganzen und auch der Klimawandel. Zunehmend treiben mich diese Fragen auch bei allem was mit dem Fliegen zu tun hat um: ich kann nicht alle Antworten allein finden und bitte Euch um Hilfe.

– Wie umweltfreundlich ist eigentlich unser Fluggerät ? Sicher nicht besonders umweltfreundlich, besteht es doch weitgehend aus beschichteten Kunstfasern und ist damit ein reines Erdölprodukt. Auf der anderen Seite sind durchaus Nutzungsdauern von acht bis zehn Jahren möglich, das ist schon einigermaßen langlebig. Können wir das weiter verbessern, gibt es andere Beschichtungen, Trägermaterialien etc. die vielleicht auch in Frage kommen und das Fliegen ökologischer machen würden? Können wir vielleicht von den anderen Outdoor-Branchen lernen die schon Schritte in diese Richtung unter-nehmen?

– Was passiert mit unseren alten Geräten und kann man diese wiederverwerten ? Können wir aus recyceltem Nylon, Kevlar, Dyneema wieder neue Gleitschirm-Produkte bauen? Und hätten diese eine bessere Ökobilanz als „Altes-wegschmeißen-Neues-herstellen“? Macht es Sinn alte Schirme, Retter, Gurtzeuge gezielt bei den Herstellern der Materialien zurückzugeben um sie direkt zu recyclen anstatt das Zeug in den Plastikabfall zu werfen?

– Auch mir ist klar, dass Entwickler, Hersteller und Händler mit neuen Modellen ihren Lebensunterhalt bestreiten und Innovationen ermöglichen. Auch ich fliege gerne mit aktuellem Material. Aber ist es wirklich nötig dass ich immer den neuesten Schirm oder das neueste Vario kaufe auch wenn die alte Ausrüstung noch eine Weile zu gebrauchen wäre? Kann ich etwas beitragen indem ich die Produkte wirklich bis zum Ende ihrer Lebensdauer verwende? Kann ich das Geld nicht lieber in Weiterbildung und mein Können als Pilot investieren, ist das nicht ein doppelter Gewinn?

– Wie können wir unsere Reisen und tägliche Fahrten in die Fluggebiete ausgleichen? Allein mein fliegerischer CO2 -Fußabdruck ist katastrophal. Mehrfach im Jahr ca. 1000 km Autofahrt ins Fluggebiet und zurück, die Fahrten zum Startplatz und die eine oder andere Flugreise ins Warme im Winter. Ich persönlich habe beschlossen schonmal die einfachste Art der Wiedergutmachung in Angriff zu nehmen, z.B. über Initiativen wie ATMOSFAIR (www.atmosfair.de) oder Ähnliche. Sicher kann das nicht die endgültige Lösung sein aber es ist schon ein erster Schritt.

– Wie werden unsere Gleitschirme produziert ? Ich vermute, die meisten Produkte vom Gleitschirm bis zum Fliegeroverall werden in Europa entwickelt und gestaltet. Produziert wird wiederum die große Mehrheit in Asien oder zumindest in Ländern mit einer deutlich anderen sozialen und wirtschaftlichen Struktur als bei uns.
Die Frage für mich ist: wird mein Gleitschirm in ähnlichen Nähereien und unter ähnlichen sozialen wie ökologischen Bedingungen produziert wie das 5 € T-Shirt in der Ladenkette? Und wenn das so ist: will ich das wirklich? Wenn ich doch gleichzeitig beim Kauf meiner T-Shirts auch bewusst eine andere Entscheidung treffe?

Was sind Eure Meinungen, Gedanken und Anregungen zu diesen Fragen?
Gibt es vielleicht schon entsprechende Projekte und Initiativen im Gleitschirmsport?
Wenn ein „fair“ produzierter Gleitschirm teurer als ein herkömmlicher Gleitschirm wäre: wie viel teurer? Wenn ein durchschnittlicher Gleitschirm irgendwas um die 3200 € kostet, wie viel mehr wären wir bereit als Käufer und Piloten zu zahlen?
Haben die Hersteller Einfluss auf die Produktionsumstände? Zuletzt konnte ich bei einem Gleitschirmhersteller lesen, dass eine „Zertifizierung für hohe Produkt-konformität und Qualitätsstandards“ erfolgreich etabliert wurde. Finde ich toll – eine für möglichst geringe Gesundheitsrisiken bei der Herstellung der Tücher und faire Löhne für alle Produktionsschritte fände ich noch schöner.
Könnten die Anbieter betreuter Flugreisen ihre Kunden nicht ein bisschen „stupsen“ und die Empfehlung für den CO2 – Ausgleich fett auf die Angebotsseite schreiben?

Für mich sind das ebenso Kernfragen unseres Sports und Hobbys wie die Diskussion um
Leistung, Sicherheit und Weiterbildung.

Gleitschirmfliegen bleibt für mich das unfassbare Privileg mich in der Natur frei in der Luft bewegen zu dürfen. Und das praktisch überall auf dieser Welt. Wir müssen aktiv werden damit das so bleibt, finde ich.

Schreibt mir gern unter gubi@posteo.at oder hier im Blog und Magazinen, ich
bin gespannt auf Eure Sicht.

Liebe Grüße,
Gunnar Bischof

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4 Gedanken zu “Offener Brief – Der ökologische Flugabdruck

  1. Hallo Gunnar,

    ich teile viele Deiner Gedanken, da ich vor Urzeiten auch mal die Grünen mitgegründet habe, aber ich sehe eher kein Problem in unseren Gleitschirmen selbst. Ich glaube nicht, dass die in Asien gefertigt werden, und wenn, dann sicher nicht in den übelsten Billigfabriken. Bei diesen hochpreisigen Qualitätsprodukten haben die Hersteller zu sehr einen Ruf zu verlieren. Und die geringen Mengen an Materialien spielen bei der langen Lebensdauer sicher auch keine Rolle. Wenn Du ein Auto fährst, in dem 1,5 t an Materialien drinstecken, dann mach Dir eher darüber Gedanken.

    Ich sehe das Problem in den vielen Fahrten. Bei Flügen setze ich daher auch konsequent auf Atmosfair, und bei Autofahrten versuche ich immer, das Auto voll zu bekommen, oder die Fahrten mit dienstlich bedingten Fahrten zu verknüpfen. Aber trotzdem bleibt diesbzgl. ein schlechtes Gefühl übrig.

    Andreas

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    1. Hallo Andreas,

      nun, bis auf einige Ausnahmen werden die Schirme in Asien gefertigt. Unter welchen Bedingungen weiß ich nicht sicher, da muss ich noch Infos sammeln. Das Material der Schirme kommt überwiegend aus Europa.

      Reisen bzw Auto fahren ist sicher das größte Problem, da stimme ich zu. Und die Tatsache dass es offenbar viele gibt denen solche Überlegungen völlig fremd oder egal sind 😉

      Gruß Gunnar

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  2. Ehrlich gesagt sehe ich das Problem mit dem ökoloigischem Fingerabruck bei der Gleitschirmherstellung überhaupt nicht. Der Plastiktütenverbrauch des durchschnittlichen Deutschen dürfte da schlimmer sein. Das sonstige Konsumverhalten – davon gar nicht zu sprechen.

    Wo ich eher das Problem sehe, ist bei der durch vielerorts vorhandenen Fluggebietsmangel erzwungene Reisetätigkeit. Ich kenne Leute, die auch schon mal 1000 km an einem Wochenende runter brennen, weil es vor Ort z.B. kein Nordostgelände gibt. Und in den Alpen fährt man gerne mal in die Südalpen, wenn es in den Nordalpen nicht geht. u.s.w.
    Das ist sicher ein erheblicher Energieverbrauch.

    Außerdem mache ich, seit ich Gleitschirm fliege, noch mehr Fernreisen als früher. Zuletzt z.B. nach Australien im Winter. Ich vermute, für den ökologischen Abdruck dieses Fluges kann man 1000 Gleitschirme fertigen…

    So gesehen ist der ökologische Fingerabdruck unseres schönes Sportes für wirklich passionierte nicht-Alpennahwohner wohl fast hoffnungslos schlecht.

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    1. Hallo Marcel,

      ja, vielleicht ist der ökologische Faktor das kleinere Problem. Aber ich bin dafür alles, jede kleine Schraube die wir haben zu nutzen um das Gesamtpaket zu verbessern. Und es ist offenbar nicht nur möglich sondern die Materialhersteller haben selbst Wiederverwertung als Teil ihres Produktes vorgesehen. Dazu gibt es hier in Kürze Neuigkeiten.

      Außerdem geht es mir auch ganz wesentlich um den sozialen Faktor. Leider gibt es bis jetzt noch keine Antwort aus der Produktion und sonst wird das auch mehrheitlich hingenommen. Da kann man ansetzen.

      Und dann, ganz klar, das Reiseproblem. Reisen ist gut und wichtig für uns als Menschen, ich glaube es ist keine gute Idee ganz auf Reisen zu verzichten. Aber über Häufigkeit und Mittel müssen wir uns Gedanken machen. Und Fernreisen finden nun mal mit dem Flugzeug statt, da ist CO2 kompensieren momentan der einzige Kompromiss.

      Die Liste können wir noch weiter fortsetzen aber jetzt muss ich zur Arbeit 😉

      Lass uns ändern was wir ändern können und vor allem ein Bewusstsein schaffen. Die ist-mir-egal-Nummer oder Schuld abwälzen oder auf Regelungen „von oben“ warten bringt uns auf Dauer nicht weiter.

      Gruß
      Gunnar

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